
Der Vortrag, zu dem der stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft Dr. Timothy Sodmann einen zwar kleinen, aber hochinteressierten Zuhörerkreis begrüßen konnte, war der erste einer neuen Vortragsreihe zum Thema "
Technische Agrarrevolution und gesellschaftlicher Wandel im Westmünsterland seit 1900", die mit zwei weiteren Vorträgen (am 8. und 29. Oktober) fortgesetzt wird.

An Beispielen aus den Orten Ottmarsbocholt, Heek und Rödinghausen zeigte Dr. Exner eindrucksvoll auf, wie sich das Leben auf dem Lande, speziell auch im Westmünsterland, durch den Einsatz der Technik in der Landwirtschaft - von der Dampfmaschine, dem Elektromotor und Traktor bis hin zum Mähdrescher und hochmodernen Maschinen des heutigen Landbaus - revolutionsartig verändert hat. Die technische und wirtschaftliche Entwicklung bildete dabei jedoch nicht den Schwerpunkt der Betrachtung, im Mittelpunkt standen vielmehr die Folgen in den sozialen Bezügen, wie sie sich im Arbeits-, Familien- und Vereinsleben zeigen.
Die festgefügte überlieferte agrarische Produktionsweise wird durch den Einsatz der Maschinen radikal verändert. Einerseits nimmt die körperliche und zeitliche Belastung in der Landwirtschaft deutlich ab, andererseits erfordern neue Methoden und Arbeitsfelder neue Kenntnisse und Fertigkeiten. Alte Berufe wie Sattler, Stellmacher und Schmied werden großenteils überflüssig, technische Dienste wie Maschinenschlosser usw., die immer den neuesten Entwicklungen gerecht werden, sind erforderlich. Es werden deutlich weniger Arbeitskräfte in Stall- und Feldarbeit benötigt, selbst Bauerntöchter und -söhne können und wollen nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten und pendeln zur Arbeit in benachbarte Städte aus.
Folgen für die Familien zeigen sich in zweierlei Hinsicht: Die Kinderzahl nimmt ab, da Kinder weder für die landwirtschaftliche Arbeit noch für die Alterssicherung gebraucht werden. Der Familienverband Großfamilie löst sich auf. Selbst die schichtspezifische Heirat (Hof zu Hof - Hektar zu Hektar) wird immer seltener; nicht was einer hat ist wichtig, sondern sein Interesse an und seine Befähigung zur Landwirtschaft. Die gesellschaftlichen Schichten durchmischen sich.
Kleine Höfe können nicht mehr mithalten und werden aufgegeben. Eine Konzentration auf wenige große Höfe, deren Führung auch kaufmännische Fähigkeiten erfordert, ist die Folge. Die Landwirtschaft wird mehr und mehr zur Industrie mit hohem Kapitalbedarf.
Die Bauern werden immer mehr zu einer Minderheit innerhalb der ländlichen Bevölkerung, zumal auch Stadtbewohner wegen der besseren Wohnqualität in den Dörfern zuziehen. Die gesellschaftlich bedeutsame Stellung der Bauern nimmt ab. Der Einfluss in den politischen Gremien geht in dem Maße zurück, wie Arbeiter und Angestellte an Zahl überhaupt und in den Vereinen und Parteien zunehmen und dadurch mehrheitsfähig werden, was besonders in den traditionsverhafteten, oft gesellschaftlich geschlossenen Schützenvereinen und den - anfänglich gegen Widerstand in der bäuerlichen Bevölkerung - immer stärker aufkommenden Sportvereinen, in denen die eigene sportliche Leistung Anerkennung bringt, deutlich wird.
Insgesamt habe - so Exner - die technische Agrarrevolution zu deutlich höherer örtlicher, geistiger und sozialer Mobilität geführt, die eine gesteigerte Teilhabe des einzelnen ermögliche, aber auch eine größere Selbstverantwortung erfordere.

Die anschließende Diskussion brachte auch die Frage nach dem Einfluss der jeweiligen politischen Verhältnisse. Die gesamte Entwicklung wird nach Ansicht Exners von der Politik weder direkt gefördert noch gebremst, allenfalls unterstützen die Nationalsozialisten den "Reichsnährstand" zur Steigerung der Erträge, stoßen aber insofern auf Ablehnung, als sich viele Bauern aus der parteipolitisch geprägten Politik zurückziehen. Auch die Sportvereine reagieren auf die Förderung durch die Nationalsozialisten zwiespältig, sie gliedern sich in das politische Programm ein, weil sie auf diese Weise eine gewisse Selbständigkeit erhalten können.
Auch die Rolle der Kirchen hielt Exner für wenig bestimmend und bezeichnete sie als eher neutral, auch wenn einzelne Teilnehmer auf andersartige Beispiele aus eigenem Erfahrungsbereich verweisen konnten.
Wie die Entwicklung in der Landwirtschaft sich fortsetzen werde, vermochten weder der Referent noch die Zuhörer vorherzusagen.